Klischeehaft, doch Klischees will er bekämpfen.

 

Er saß in seinem Rollstuhl, so wie jeden Tag. So wie jeden Tag seines Lebens bis jetzt. Jeden Tag der gleiche Trott, jeden Tag der gleiche Ablauf.

Aufwachen, warten, saubergemacht werden. Von A nach B gerollt werden und immer wieder das gleiche machen.

In der Mittagszeit trifft er sich dann immer mit einem alten Mann. Diesen Menschen kennt er nun gefühlt sein Leben lang. Sie reden nicht viel, sitzen nur nebeneinander, da auch jener alte Mann im Rollstuhl sitzt. Man könnte sagen, sie sind Vertraute. So sitzen die Vertrauten bis abends zusammen, während der eine mit einem Papierbogen in der einen und einem Stift in der anderen Hand erzählt und der Andere nur zuhört

Das Leben ist nicht fair, sagen die Leute. Er dachte sich immer nur: Mach das Beste aus dem was du hast. Und so versuchte er dies, wie er es schon immer getan hatte. Und jeden Tag blickte er zurück, wie sein Leben früher war.

 

Sein Vater war ein Büromensch, immer beschäftigt. In seinem Leben zählte nur die Effizienz. Ordentlicher Haarschnitt, Braunrasur, immer gebügeltes Hemd. Immer pünktlich, immer akkurat immer, immer, immer. Es gab kein vielleicht oder gelegentlich.

Seine Mutter war eine einfache Hausfrau, klassische Rollenverteilung. Etwas mollig, ruhiges Gesicht, Fältchen um die Augen vom vielen Lachen. Sie war immer sehr glücklich gewesen. Doch mach sie nicht wütend.

Seine Schwester war älter, und nur am Meckern. Nicht über ihn, das niemals, aber über die Eltern, über die Anderen, über ihr Leben. Nennt sich Pubertät hat man ihm gesagt, er sieht das Unglück in ihren Augen. Minitattoo unterm Schulterblatt, wenn das die Eltern wüssten.

 

Und er ist Sohn, Bruder, Sündenbock und Krüppel in einem. Er sieht vieles und versteht schnell. Er ist nicht dumm, er geht zur Schule, er will lernen. Denn er will hoch hinaus, zwar wird er niemals aus seinem Rollstuhl hinauskommen, aber das soll ihn nicht aufhalten, sagt er sich. Sagt er sich immer wieder.

 

Der Vater, Büromensch. Das Bild nach außen muss stimmen. Klischee ich weiß, doch nicht unbegründet. Will er doch niemals werden wie sein Vater. Der war nur Durchschnitt, ist niemals aufgefallen, hat immer nur das Nötigste getan. Andere Zeiten, Geld war nicht so wichtig wie heutzutage.

Er erzähl auf seiner Arbeit nicht viel über seine Familie. Wenn, dann nur über die Frau und die Tochter. Die Frau ist liebend und sorgend, so wie es sich gehört. Die Tochter zwar etwas schwierig, aber das ist in der Pubertät nun einmal so. Den Anderen erwähnt er nicht, schämt er sich doch so versagt zu haben. Dabei gibt er gar nicht dem Sohn die Schuld, auch wenn er ihn versucht so wenig wie möglich zu beachten. Und wenn, schreit er nur oder weist ihn zurecht. Doch er schaut seinem Sohn dabei nie in die Augen, aus Angst vor dem was er darin sehen würde.

So nimmt er die Extraschicht auf der Arbeit und arbeitet auch am Wochenende lange. Die Behandlung seines Sohnes ist teuer, noch dazu ist dies eine gute Ausrede nicht Zuhause sein zu müssen.

 

Mutter, Hausfrau. Immer Zuhause, immer beschäftigt, denn Zuhause gibt es immer etwas zu tun. Egal ob sie putzen oder kochen muss. Sie hat nie Pause, denn da gibt es immer noch ihn. Er bereitet ihr immer Probleme, denn er kann nichts alleine. Es ist nicht seine Schuld, sagt sie sich immer er wird es noch lernen, er muss es noch lernen. Das ist ihre Aufgabe, dafür sorgen, dass er selbstständig wird. Sie wird ja nicht auf ewig für ihn da sein können.

Er muss gefüttert werden, da er seine Arme nicht bewegen kann. Er muss aufs Klo gebracht werden und gewaschen werden, weil seine Beine ihn nicht halten. Es ist nicht einfach und ihr gibt niemand etwas dafür zurück. Alleine gegen die Welt, doch die Welt ist unfair, denn egal was sie tut und egal wie oft sie zu den Ärzten gehen und egal wie viel Geld sie den Ärzten in die Rachen schieben, ihr Sohn kann sich immer noch nicht von selbst bewegen.

 

Die Tochter, in der Pubertät, kriegt wenig Aufmerksamkeit. Doch das versteht sie, das muss sie irgendwie verstehen. Ihr Bruder kann nichts dafür, dass er so ist wie er ist. Aber warum kriegt sie immer alles ab? Wenn ihre Eltern schlecht gelaunt sind, lassen sie es an ihr aus. Freunde hat sie nicht, wer will schon mit der Schwester eines Krüppels befreundet sein. Er tut ihr leid, doch sie hasst sich noch viel mehr. Sie will aufstehen und sich aus all dem befreien. Will sich auf den Schulhof stellen und sich den Frust von der Seele schreien, will sich erklären und sagen, dass sie sie ist und nicht ihr Bruder und nicht ihre Eltern. Sie will verstanden werden und geliebt und akzeptiert werden, so wie jedes normale Kind auf der Welt auch. Doch sie kann es nicht, sie traut sich nicht, sie hat Angst, dass es noch schlimmer werden würde. Und dann sieht sie ihren Bruder und hasst sich noch mehr. Sie sieht wie er nicht aufgibt, wie er immer wieder das Bestmögliche versucht, scheitert, hinfällt aber auch niemals den Lebensmut verliert. Dann denkt sie insgeheim, dass er ja nichts Anderes mehr hat und hasst sich für diesen Gedankengang nur noch umso mehr.

 

Er, ist Sohn, Bruder und Sündenbock. Er sitzt im Rollstuhl und findet Aufzüge mega cool! Damit kann er nach oben, und nach oben will er. Dann schaut er wieder auf die Treppen und denkt, dass er eines Tages laufen lernen will und dann Treppen laufen wird und rennen und springen kann. Zumindest sagen ihm seine Eltern, dass dieser Tag kommen wird. Eines Tages wird er Hände schütteln können und alleine Essen können. Er will kochen lernen und wissen wie sich ein Buch anfühlt. Will wissen wie es ist durch Pfützen zu laufen und unter Wasser zu sein, er will wissen wie es sich anfühlt Erster zu sein.

Er ist nicht dumm. Er weiß, dass jener Tag noch in weiter Ferne liegt. Doch er weiß auch um das was er kann und um das was Andere für ihn tun. Er ist für seine Mutter dankbar, welche sich den ganzen Tag um ihn kümmert und ihm hilft. Und er ist für seinen Vater dankbar, welcher ihn immer zu den Ärzten fährt. Bei seinem Vater darf er im Auto sogar vorne sitzen. Ihm ist bewusst, dass sie viel für ihn Opfern, er ist nicht dumm. Auch für seine Schwester will er versuchen sich viel Zeit zu nehmen. Sie sieht immer so unglücklich und einsam aus. Er will ein guter Mensch werden.

 

Vater, ehemaliger Bürokaufmann, wurde gekündigt. Er bekam immer öfters Nervenzusammenbrüche und Panikattacken. Auf der Arbeit wird sowas nicht toleriert, die Effizienz steht im Vordergrund. Als er nach dem Grund gefragt wurde, konnte er keinen nennen. Würde er doch seine Fehler nicht als Schutzschild nehmen wollen. Stolz hatte er noch. Doch setzte ihn gerade dieser immer mehr und mehr unter Druck. Er konnte nicht anders und griff zum Alkohol, drastisch schon klar. Doch brach ein Pfeiler seines Lebens ein und nun war es nicht mehr perfekt, schon gar nicht nach außen hin. Und Alkohol hilft, Alkohol lindert den Schmerz, Alkohol tut gut. Dank des Alkohols konnte er nachts besser schlafen, wenn er auch nicht mehr im Ehebett schlafen durfte. Seine Frau konnte ihn betrunken nicht ab, verstand ihn nicht. Wie auch, hatte sie doch keine Ahnung davon, wie hart sein Leben und sein Alltag waren. Früher hatten sie viel gelacht und er hatte ihr immer teure Geschenke gekauft. Heutzutage sprachen sie kaum miteinander und waren froh, wenn sie schlafen konnten. Sein Hemd ist nicht mehr gebügelt, das sieht sie nicht ein. Und er kann sich keine Mangel leisten, er kann sich sowieso gar nichts mehr leisten. Alles ist anstrengender geworden. Selbst der Weg in die Spielhalle, wird mit jedem Schritt den er geht immer anstrengender. Deshalb bleibt er nun länger dort, der große Gewinn wird kommen, ganz bestimmt.

Sie merkt davon nichts, oder will nichts davon merken. Immer kümmert sie sich nur noch um diesen Sohn. Sex hatten sie auch schon lange nicht mehr, aber dafür gibt es ja jetzt Prostituierte. Die wird er sich auch bald wieder leisten können, wenn er endlich gewinnt. Das Geld kann er dann ausgeben wie er will, sein Sohn wird es nicht mehr brauchen. Die Ärzte können ihm nicht mehr helfen, nur sagt er ihm das nicht. Er sagt gar nichts mehr.

 

Mutter, Hausfrau. Wenn man das so nennen kann. Sie sieht sich er als Pflegerin, da sie nur noch pflegt und das Haus verkümmert. Sie kann einfach nicht mehr. Die Tochter sieht sie nicht mehr, ist vielleicht auch besser so. Der Mann, hängt besoffen irgendwo rum, ist ihr auch egal. Sie weiß, dass er gekündigt wurde, hat den Brief gelesen. Der Sohn, sitzt nur da, in seinem Rollstuhl und wartet darauf, dass sie ihm hilft.

Früher war doch alles anders. Sie hatte Energie, Lebensfreude und bekam immer so tolle Geschenke. Sie heiratete ihn, und bekam noch mehr Geschenke. Er war nicht der reichste Mann der Welt, doch gab er all sein Geld nur für sie aus. Sie fühlte sich besonders.

Doch nun schaut sie in den Spiegel und fragt sich, was sie im Leben nur falsch gemacht habe, dass es nun so verläuft. Viel passiert in ihrem Leben nicht, wie auch, ist sie doch ebenso an den Rollstuhl gebunden wie auch ihr Sohn.

Mit ihrem Leben hat sie eigentlich schon längst abgeschlossen.

 

Die Tochter, ist nicht mehr Tochter. Jedenfalls fühlt sie sich nicht mehr als solche. Sie ist kaum noch Zuhause, denn sie ist verliebt. Verliebt in diesen einen Kerl, welcher nun ihr Zuhause ist. Sein Zuhause ist nahe des Bahnhofes, wo er sich immer mit seinen Freunden trifft. Sie geht da immer öfters mit. Niemand sagt ihr, dass sie sich fern von denen halten solle, weil sie niemanden hat, weil sie niemandem etwas erzählt. Er liebt sie, sagt er zumindest. Er will sie, auch wenn er viel älter ist als sie. Ihr Bruder ist ihr egal geworden, ihre Familie auch, denn sie ist weg und fühlt sich wie befreit. Auch ihre neuen Freunde sagen, dass Krüppel, anders farbige Menschen und sowieso alle, die nicht so aussehen wie sie keine richtigen Menschen sind. Sie versteht das nicht so ganz, stellt es aber auch nicht wirklich in Frage. Zur Schule geht sie nicht mehr, warum auch. Warum noch irgendetwas machen, fragt sie sich oft bevor sie sich die Spritze setzt.

 

Er, sitzt im Rollstuhl. Mittlerweile älter geworden und hat immer wieder den gleichen Tagesablauf. Das Leben ist nicht fair, sagen die Leute. Er dachte sich immer nur: Mach das Beste aus dem was du hast. Und so versuchte er dies, wie er es schon immer getan hatte. Wenn er den alten Mann, mit welchem er die Mittage verbringt anschaut, so verspürt er Mitgefühl. Gibt er sich doch selbst die Schuld daran, dass sein Vater so geworden ist. Hätte er nur früher erkannt, dass sein Vater sich den Verstand wegsoff, dann hätte er vielleicht etwas tun können. Hätte er doch nur früher gemerkt, wie es seiner Mutter ging, so hätte er vielleicht mit ihr reden können und nicht erst ihren Abschiedsbrief lesen müssen. Hätte er doch nur mehr Zeit mit seiner Schwester verbracht, so hätte er ihr bestimmt helfen können. Jetzt liegt sie im Zimmer neben ihm, wird behandelt, doch nie wieder gesund werden.

Er betrachtet sich, betrachtet seinen Rollstuhl und stellt fest, dass dieser Rollstuhl niemals nur eine Fessel für ihn selbst war. Das stellt er immer wieder fest, doch kann mit diesem Gedanken nichts anfangen. Er hätte nichts von alle dem verhindern können, muss er sich immer wieder selber eingestehen. Das Leben ist nun einmal nicht fair. Doch er versucht das Beste draus zu machen, für seine Familie, welcher er so unglaublich dankbar ist für all das was sie für ihn getan hat.

Klischeehaft, denkt er sich und lächelt bei diesem Gedanken. Klischees kommen ja nicht von irgendwo her, doch Klischees will er bekämpfen und tut dafür alles. Tag für Tag.

 

 

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